McLean-Zentrum für metabolische Psychiatrie: Was hinter den 20 Millionen Dollar steckt
Das McLean Hospital bei Boston, ein Lehrkrankenhaus der Harvard Medical School, baut mit 20 Millionen Dollar der Baszucki Group ein Zentrum für metabolische Psychiatrie auf. Im Mittelpunkt steht die ketogene Therapie bei psychischen Erkrankungen. Am 21. Oktober 2026 startete dazu auch das internationale Netzwerk MetPsy. Eine Harvard-Lehrklinik nimmt das Thema damit auf, manche Fachleute bleiben laut WBUR aber skeptisch. Die Finanzierung zeigt nicht, dass Keto bei psychischen Erkrankungen wirkt: Der Zentrumsleiter selbst nennt die Evidenz noch relativ dünn. Dazu kommt ein Geldgeber mit persönlichem Bezug zur Therapie. Das Angebot entsteht in den USA, zu Angeboten in Deutschland sagen die Quellen nichts. Wir ordnen ein, was geplant ist, wer zahlt, was die Studien bisher hergeben und was offen bleibt. Eine Therapieempfehlung ist dieser Beitrag nicht.
Was am 21. Oktober angekündigt wurde
Das McLean Center for Metabolic Psychiatry entsteht in Belmont im US-Bundesstaat Massachusetts und soll laut Pressemitteilung auf drei Säulen stehen: klinische Versorgung, Forschung sowie Aus- und Fortbildung von Fachkräften. Geleitet wird es vom Psychiater Dost Öngür, Chef der Abteilung für psychotische Störungen am McLean und Professor an der Harvard Medical School. Laut WBUR sprechen die Verantwortlichen vom ersten Zentrum dieser Art in den USA. Das ist eine Selbstbeschreibung, die wir nicht unabhängig prüfen konnten. Parallel startete das Global Network for the Advancement of Metabolic Psychiatry (MetPsy), das Forschende und Behandelnde weltweit vernetzen will. Auf seiner Website nennt es neben McLean bislang die University of Pittsburgh, die University of Edinburgh und die McMaster University mit dem St Joseph's Healthcare Hamilton.
Was dort behandelt und erforscht werden soll
Laut Mass General Brigham, zu dem McLean gehört, richtet sich das Angebot an Erwachsene mit Stimmungs- und psychotischen Störungen. Neben ketogener Therapie „wenn angemessen“ gehören Ernährung, Schlaf, Bewegung und Stressbewältigung sowie Medikamente und Psychotherapie dazu. Keto ist also Teil einer Gesamtbehandlung, kein Ersatz. Öngür will laut WBUR auch andere Ansätze wie GLP-1-Medikamente untersuchen, das Zentrum ist also nicht auf Keto beschränkt. Laut WBUR soll die Forschung auch klären, warum Stoffwechselveränderungen Symptome zu lindern scheinen; ob und bei wem das zutrifft, ist genau die offene Frage. Zu den Patientenzahlen weichen die Berichte ab: Der Boston Globe zitiert Öngür mit etwa 50 bis 75 Überweisungen im ersten Jahr und danach 75 pro Jahr, WBUR nennt bis zu 75 neue Patienten im ersten Jahr und später Hunderte. Die Größenordnung bleibt zunächst überschaubar. Überweisungen nimmt das Zentrum laut Globe bereits an, die Datenerhebung beginnt gerade.
Wer zahlt und warum das zählt
Die Baszucki Group wurde 2021 von Roblox-Gründer David Baszucki und Jan Ellison Baszucki gegründet. Ihr Sohn Matthew hat eine bipolare Störung und berichtet, seine Symptome hätten sich nach etwa vier Monaten Keto gebessert. Laut WBUR ist er Patient des Harvard-Psychiaters Chris Palmer. Palmer wirkt nun an dem Vorhaben mit: Seine Einrichtung MH² leitet die Fortbildung mit, das bestehende McLean-Programm, das er führt, läuft getrennt weiter. Ein Einzelfall ist kein Wirksamkeitsnachweis, und wer Forschung mit persönlichem Bezug fördert, ist nicht unabhängig. Das Geld reicht in dem jungen Feld weit: Auch die unten genannte Fortbildungsstudie aus Maryland wurde von der Baszucki Group finanziert, und ein Mitglied des Autorenteams der JAMA-Metaanalyse gibt Fördermittel der Gruppe außerhalb dieser Arbeit an. Das macht Ergebnisse nicht falsch, es ist aber ein Grund, auf unabhängige Wiederholung zu achten. Wie sich die 20 Millionen aufteilen, nennt die Pressemitteilung nicht.
Was es an Evidenz schon gibt
Einen breiten Überblick gibt eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry vom Januar 2026, die auch unser Überblick zu Keto und psychischer Gesundheit aufgreift. Sie wertete 50 Studien mit zusammen 41.718 Teilnehmenden aus. In zehn randomisierten Studien war ketogene Ernährung mit geringeren depressiven Symptomen verbunden (standardisierte Mittelwertdifferenz −0,48; 95-Prozent-Konfidenzintervall −0,87 bis −0,10; das Maß vergleicht Gruppen über verschiedene Fragebögen hinweg). Die Autoren sprechen von bescheidenen Verbesserungen, vor allem wenn die Ketose biochemisch überprüft wurde. Bei Angst zeigten neun randomisierte Studien keinen signifikanten Zusammenhang. Für schwere Erkrankungen sind die Daten dünner: Eine Stanford-Pilotstudie von 2024 begleitete 23 Menschen mit Schizophrenie oder bipolarer Störung und Stoffwechselproblemen über vier Monate. Der klinische Schweregrad (CGI) lag im Schnitt um 31 Prozent besser, bei Schizophrenie sank der BPRS-Wert um 32 Prozent. Die Studie war aber einarmig, es gab also keine Kontrollgruppe. Palmer schätzt laut WBUR, dass etwa die Hälfte derer, die die Diät über Monate genau einhalten, eine gewisse Linderung berichtet. Das ist seine klinische Einschätzung, kein Studienergebnis.
Was offen bleibt
Die Metaanalyse nennt selbst Grenzen: uneinheitliche Studien, unterschiedliche Vergleichsgruppen und kurze Nachbeobachtung. Ein narratives Review in Current Opinion in Psychiatry von Oktober 2026, an dem Palmer mitschrieb, kommt zu einem ähnlichen Schluss: Bevor ketogene Ernährung bei Stimmungsstörungen für die Routineversorgung empfohlen werden kann, braucht es ausreichend große randomisierte Studien. Dem Review zufolge fehlen zudem einheitliche Kriterien dafür, wie ketogene Therapie in Studien definiert und umgesetzt wird. Nebenwirkungen sind möglich, laut dem Review besonders bei Normalgewicht oder fehlendem Ernährungswissen. WBUR verweist außerdem auf Verbindungen von Keto zu Herzkrankheiten, Nierenkomplikationen und Nährstoffmängeln. Wie solche Fortbildungen wirken, ist ebenfalls ungeklärt: Eine Pilotstudie der University of Maryland mit 40 Fachkräften fand mehr Sicherheit im Gespräch mit Patienten. Ob sich dadurch die Behandlung ändert, muss erst untersucht werden. Und laut WBUR übernehmen die meisten US-Versicherer metabolische Therapien bei psychischen Erkrankungen nicht. Ein Zentrum kann diese Fragen angehen, beantwortet hat es sie noch nicht.
Was das für Betroffene und Keto-Praktiker heißt
Wer ketogen isst und sich psychisch gut fühlt, muss aus dieser Meldung nichts ableiten. Wer eine psychische Erkrankung hat und Keto erwägt, sollte das vorab mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen und nur unter ärztlicher Begleitung umsetzen. Palmer und Öngür betonen beide, dass die Diät die bestehende Behandlung ergänzen und nicht ersetzen soll; Medikamente also nicht eigenmächtig absetzen oder ändern. Einer Aussage von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., Keto könne Schizophrenie heilen, hat Palmer widersprochen, und selbst er sagt, die Therapie wirke nicht bei allen. Allgemeine Hinweise stehen in unserem Überblick zu Gegenanzeigen und Medikamenten; zu Psychopharmaka bleibt das Behandlungsteam die richtige Adresse. In einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, außerhalb der Praxiszeiten der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117, bei Lebensgefahr der Notruf 112.
Häufige Fragen
Was ist metabolische Psychiatrie?
Metabolische Psychiatrie untersucht, wie der Stoffwechsel die Gehirnfunktion und die psychische Gesundheit beeinflusst. Am McLean gehören dazu die ketogene Therapie, aber auch Ernährung, Schlaf und Bewegung, laut WBUR sollen zudem GLP-1-Medikamente untersucht werden. Für den Routineeinsatz von Keto fehlen laut einem aktuellen Review noch ausreichend große randomisierte Studien.
Beweist das neue Zentrum, dass Keto bei psychischen Erkrankungen wirkt?
Nein. Eine Finanzierung ist kein Wirksamkeitsnachweis. Zentrumsleiter Dost Öngür nennt die Evidenz selbst noch relativ dünn. Eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry fand bescheidene Verbesserungen bei depressiven Symptomen, aber keinen klaren Effekt bei Angst. Für Schizophrenie und bipolare Störung sind die Daten dünner, etwa eine einarmige Pilotstudie mit 23 Teilnehmenden.
Kann Keto Medikamente oder Psychotherapie ersetzen?
Nein. Auch die Beteiligten des McLean-Zentrums verstehen Keto ausdrücklich als Ergänzung unter fachlicher Aufsicht, nicht als Ersatz für eine bestehende Behandlung. Medikamente sollten Sie nie eigenmächtig absetzen oder verändern. Sprechen Sie vor einer Ernährungsumstellung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Können sich Menschen aus Deutschland dort behandeln lassen?
Das ist offen. Mass General Brigham schreibt, man unterstütze auch Patienten aus dem Ausland. Angaben zu Kosten oder zur Kostenübernahme stehen dort nicht, und in den USA zahlen laut WBUR die meisten Versicherer solche Therapien bei psychischen Erkrankungen nicht. Ansprechpartner hierzulande bleibt zuerst die eigene psychiatrische Behandlung.